K e i k o K o a n a

Belinda Grace Gardner - Der Aufstand der Orchideen


Keiko Koanas assoziative Landschafts- und Naturräume

Am Anfang der künstlerischen Arbeit von Keiko Koana stand die Beschäftigung mit der Orchidee. Immer wieder hat die aus Japan stammende, in Münster lebende Künstlerin die „Königin der Blumen“, die in der asiatischen ebenso wie in der europäischen Kultur für große Schönheit steht, gemalt. Sie arbeitete nach der Natur und hielt das Motiv in Ölfarbe fest: eine serielle, fast meditative Konzentration auf einen Gegenstand. Vor rund drei Jahren wechselte Keiko Koana ihre Methode und verlegte sich auf eine Malerei auf den Spuren intuitiver Gedankenströme: ein scheinbar radikaler Bruch mit der klar umrissenen Gegenständlichkeit ihrer vorhergehenden floralen Bilder. Und doch bedeutete dieser Schritt für die Künstlerin zugleich eine Weiterführung und –entwicklung ihres ästhetischen Ansatzes unter anderen Bedingungen. In ihren neueren Arbeiten löste sich nicht nur die Thematik auf, auch der malerische Duktus – nunmehr auf der Basis von Aquarell- und Acrylfarbe wurde fließender und weitläufiger. Und doch verweist die Tatsache, dass Keiko Koana die von einer assoziativen, landschaftlichen Figürlichkeit bestimmten Abstraktionen dieser Phase unter dem Obergriff „Ran“ fasste, auf die nachhaltige Bedeutung ihres früheren Gegenstands für sie - eine Kontinuität, die sich als sanfte Unterströmung durch die unterschiedlichen Schwerpunkte ihrer Arbeit hindurch zieht.

In der japanischen Sprache bezeichnet der Begriff „Ran“ einerseits die „Orchidee“ und steht andererseits für „Rebellion“ beziehungsweise „Aufstand“. Diese Sinnverquickung, der zumindest implizit der Gegensatz zwischen selbstreflexivem, stillem Sein und zielgerichteter, energischer Handlung, Introspektion und Außenwirkung, Venus (Schönheit) und Mars (Kampf) innewohnt, schwingt in den kontemplativen, von einer ruhigen, inhärenten Spannung durchwirkten Blätter aus der vielgestaltigen und umfangreichen „Ran“-Gruppe mit. Ebenso wie bei den früheren „Orchideen“-Malereien spielt hier das serielle Prinzip eine Rolle, die visuelle Entfaltung der Bilder durch ein sich gegenseitig dynamisierendes Neben- und Miteinander. Allerdings beruhen Erstere im Kontrast zu Letzteren auf einer freien Fortführung und Ausformulierung auf Grundlage eines ersten Farbauftrags, der sozusagen die Eck- oder Basisdaten liefert, aus denen alles Weitere entsteht. Als Basis fungieren hier statt eines realen Gegenstands eher Nachbilder von Landschaften, die die Künstlerin im Außenraum erblickt und aus der inneren Sphäre der Erinnerung schöpft und sichtbar macht.

Im Rückgriff auf die Tuschmalerei geht Keiko Koana nicht nur auf eine traditionelle Technik ihres Heimatlandes zurück, hinter der Geschichte und Wandel einer ganzen Schule künstlerischen Ausdrucks steckt.

 

 

Sie wählt damit auch ein Medium, das schon aufgrund seiner materiellen (oder besser: immateriellen) Beschaffenheit jener emotionalen, vom Gedankenfluss der Künstlerin getragenen, zufallshaltigen Malerei entspricht. Ihre Palette ist weitgehend von gedämpften Erdtönen sowie hellen Grün-, Blau-, Grau- und Weißabstufungen bestimmt. Der teils fast durchsichtige Farbauftrag wechselt mit stärker deckenden Nuancen, doch wirken die Bilder insgesamt zart, ephemer, lassen einerseits an romantisch-expressive Naturansichten denken und repräsentieren simultan „innere Landschaften“ oder Seelenräume. Die Idee der Veränderlichkeit ist der Wasserfarbe eigen, insofern sie sich durch „klimatische“ Faktoren wie Lufttemperatur und –feuchtigkeit wandelt. Aber auch das Konzept der Zeit spielt für Keiko Koana, die die Arbeiten aus der „Ran“-Folge als malerische „Momentaufnahmen“ sieht, eine wesentliche Rolle. Die Präsentation der Arbeiten, die partiell größeren Leinwänden entnommen und in verschiedenen Formaten gehalten sind, erfolgt in ebenfalls intuitiv zusammengestellten Bildreihen, die im Vorbeigehen die Vorstellung landschaftlicher Bruchstücke erwecken, die aus einem vorbeifahrenden Zug oder Auto wahrgenommen werden.

Im Sommer 2008 hat Keiko Koana nun eine neue Gruppe von Arbeiten in Angriff genommen, die die florale Motivik ihrer künstlerischen Anfänge mit dem abstrakten Moment ihrer assoziativen Landschafts- und Gedankenräume verbinden. Als Vorlagen dazu dienen selbst aufgenommene Farbfotografien von Blüten, die anschließend im Papierausdruck bis zu einem gewissen Grad mit Wasser aufgelöst werden. Simultan auch eigenständige Arbeiten repräsentierend, schlagen sich die nunmehr in transparenten Pink-, Orange-, Rot- und Grüntönen leuchtenden fotografischen Blumenansichten in hauchartigen Abstraktionen nieder, in denen das Florale nur noch als leiser Nachklang oder als Turbulenz in reduzierter Farbgebung sichtbar ist. Nicht zufällig kommen einem bei Betrachtung dieser Kompositionen in Acryl- und Wasserfarbe die filigran-abstrakten Arbeiten des bekannten Fotokünstlers Wolfgang Tillmans aus dessen Serien „Blushes“ oder „Freischwimmer“ in den Sinn, von denen Keiko Koana laut eigener Auskunft Inspiration für ihr jüngstes, medienübergreifendes Projekt bezogen hat. In bestimmter Hinsicht kehrt die Künstlerin damit zu ihren Ursprüngen zurück und katapultiert diese – aufgeladen mit der grazilen Dynamik der „Ran“-Bilder – in eine neue Dimension. Die beredte Kraft der Leerstellen, die bereits in den Tuscharbeiten der vergangenen Jahre als Träger tieferer Bedeutungsschichten Verwendung fand, kommt weiterhin zum Einsatz: als subtiler Verstärker einer Malerei im Schwebezustand, in der das Konkrete und das Abstrakte stets zusammenwirken.

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